Nachkriegslager waren die Hölle

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Gespräch. Sebastian Rosenbaum, Historiker von der Kattowitzer Abteilung des Instituts für Nationales Gedenken.

- Im Oppelner Land ist das Nachkriegsarbeitslager in Lamsdorf am bekanntesten. Im oberschlesischen Industriegebiet gab es wesentlich mehr Lager. Manche, wie Schwientochlowitz oder Myslowitz, waren besonders berüchtigt. Wie erklären sie die äußerst grausame Behandlung der dort inhaftierten Personen?
- Lager, die bereits ab Februar 1945 errichtet wurden, waren von Anfang an als Straflager konzipiert. Das Lager in Schwientochlowitz, vom Kreissicherheitsamt in Kattowitz gegründet, wurde von Anfang an auch so genannt. Erst später, als der Name “Straflager" schlechte Assoziationen hervorrief, wurde es als Arbeitslager bezeichnet.

- War es denn tatsächlich ein Arbeitslager?
- In gewissem Sinne ja. Ein Teil der inhaftierten Personen wurde zur Arbeit in die Bergwerke geschickt. Insbesondere nach Beuthen, Hindenburg und Gleiwitz, wo der Stand der Belegschaften infolge von Deportationen ganzer Schichten von Bergleuten in die Sowjetunion drastisch gesunken war. Diese Bergwerke konnten nicht mehr normal funktionieren.

- Die Zahl der internierten Männer aus Oberschlesien, die in die Sowjetunion, u.a. in die Donbas-Bergwerke abtransportiert wurden, wird sogar auf 90.000 geschätzt.
- Es gibt solche Schätzungen. Ich bin vorsichtiger. Die Deutschen haben in den 1950er Jahren geschätzt, dass aus ganz Schlesien, von Görlitz bis nach Myslowitz, insgesamt 62.000 Menschen in die Sowjetunion deportiert wurden. Im Institut für Nationales Gedenken stellen wir eine Namensliste der in die UdSSR Deportierten zusammen und wir haben bisher 27.000 Namen auf der Liste. Diese Zahl wird bestimmt erhöhen. Ich schätze, dass aus ganz Oberschlesien - sowohl aus dem Teil, der vor dem Krieg zu Deutschland gehörte, als auch aus jenem Teil, der 1922 an Polen fiel, 50.000 Personen interniert wurden.

- Schwientochlowitz und viele andere Lager sind an Stellen entstanden, an denen es im Zweiten Weltkrieg Filialen der deutschen Konzentrationslager gab. War den Gründern der Nachkriegslager die Ungeheuerlichkeit dieser Analogie nicht bewusst?
- Die Ursache war rein praktisch. Es gab dort fertige Lagerinfrastruktur: Baracken, Wachgebäude, Stacheldraht usw. Und die Assoziationen, die uns heute abschrecken, waren aus der Sicht der damaligen Führung des Sicherheitsamtes positiv. Wahrscheinlich dachte man: An der Stelle, an der sich ein deutsches Nazilager befand und Polen, Juden und andere Bevölkerungsgruppen gequält wurden, halten wir jetzt deutsche Verbrecher gefangen.

- Wurden dort Verbrecher festgehalten?
- Es handelte sich nicht so sehr um Verbrecher. Es kamen unter den Häftlingen Mitglieder der Nazipartei oder anderer Organisationen vor, doch es waren eher Mitglieder aus der zweiten Reihe. Personen, die viel auf dem Gewissen hatten, sind vor der Roten Armee geflüchtet. Einen Teil von ihnen haben dann Amerikaner oder Sowjets festgenommen und bestraft, andere hat die Hand der Gerechtigkeit jedoch nie erreicht. Die in den Nachkriegslagern inhaftierten Personen gelangten dort infolge von Denunziation, aus Rache oder weil man deren Vermögen erbeuten wollte. Oft waren es völlig zufällige Personen, die mit dem Machtapparat der Nazis nichts zu tun hatten.

- Einer von den Lagerinsassen in Schwientochlowitz erinnert sich daran, dass er versucht hatte zu erklären, dass er weder Parteimitglied noch Hitleranhänger war. Als Antwort bekam er zu hören: Alle Deutschen sind Nazis.
- Und das ist der Kern der Sache. Um jemanden zu bestrafen, muss man Anklage gegen ihn erheben und dann die Tat beweisen. Gegen eine erdrückende Mehrheit der Häftlinge von Schwientochlowitz, Myslowitz, Lamsdorf und anderen Nachkriegslager wurde jedoch keine Anklage erhoben. Dort wurden pauschal vor allem Deutsche inhaftiert, und im ehemaligen polnischen Teil Schlesiens Personen mit deutscher Volksliste.

- Aber ein Volksdeutscher in Königshütte oder Kattowitz zu sein war etwas völlig anderes als ein Volksdeutscher in Warschau zu sein.
- In Schlesien war der Eintrag in die Volksliste Verwaltungszwang. Eine Verweigerung war Heroismus. Es drohten strenge Strafen: Vermögensverlust, Aussiedlung oder sogar Konzentrationslager. Daher wurden 90 Prozent der oberschlesischen Bevölkerung in die Volksliste eingetragen. Personen, welche nach 1945 den Kern des Sicherheitsapparates bildeten, kamen aus verschiedenen Teilen Polens. Sie waren sich der hiesigen Eigentümlichkeit nicht bewusst und brachten auch nicht den Willen mit, über irgendwelche Dilemmas zu entscheiden. Das waren oft Juden, die sich auf natürliche Weise an den Deutschen rächen wollten. Die gleichen schlechten Deutschen waren für sie alle, unabhängig davon, ob sie im Krieg die Volkslistengruppe 1 oder 4 hatten. Viele Personen gelangten in die Lager zufällig, bei einer Razzia aufgegriffen. Die einen waren Deutsche, die anderen Mitglieder der deutschen Minderheit im polnischen Teil Oberschlesiens oder hatten flüchtig mit irgendwelchen deutschen Besatzungsinstitutionen zu tun. Es gab sogar einfache Mitglieder der NSDAP, aber auch dies hätte kein Grund sein dürfen, sie in Lager einzusperren, zu foltern usw.

- Eben. Wenn man die Erinnerungen der Häftlinge über die im Lager praktizierten Repressionen liest, gibt es Analogien mit den Konzentrationslagern. Es gab Schläge mit Stock, Peitsche, Metallstab oder Hockerbein, Hunger, Erniedrigungen (inklusive dem Wegbringen von Eimern mit Fäkalien in den Zähnen). Es herrschten Krankheiten, vor allem Typhus, und es wurde auf hölzernen Doppelpritschen ohne auch nur eine ärmliche Decke geschlafen. Es fehlten nur Gaskammern.
- Die Lager wurden dazu organisiert, um die inhaftierten Menschen zu foltern, erniedrigen, quälen und sie für mehr oder weniger frei ausgedachte Verbrechen zu bestrafen. Gleichzeitig bemühen sich Historiker, diese Lager nicht Konzentrationslager zu nennen. Das wird nämlich eindeutig mit Vernichtungslagern assoziiert. Solche Lager waren diese Lager nicht. Doch die Art und Weise, wie die Menschen behandelt wurden, gleicht durchaus den Verhältnissen in den Konzentrationslagern. Gęborski, der Kommandant von Lamsdorf, sagte ganz direkt: Wir werden ein solches Lager für euch machen, wie die Deutschen es für die Polen gemacht haben. Das beste Maß dessen, welche Hölle das Lager in Schwientochlowitz war, ist die Sterblichkeitsrate. Binnen weniger als 300 Tage - vom Februar bis November 1945 - waren hier über fünf Tausend Menschen inhaftiert. Wir haben Namen von 1.855 Verstorbenen festgestellt. In Wirklichkeit waren es einige Hundert Opfer mehr. In einem ähnlichen Lager, in Myslowitz, starben 2.200 Personen. In dem von der NKWD in Tost gegründeten Lager starben binnen einiger Monate zwischen 2.000-3.000 Menschen. Das sind wahnsinnig hohe Zahlen. In dem Nazilager, in dessen Gebäuden das Lager “Zgoda" in Schwientochlowitz errichtet wurde, starben im Laufe von einigen Jahren einige hundert Menschen.

- In Schwientochlowitz oder Lamsdorf gehörten unmittelbare Morde dennoch zur Ausnahme…
- Wenn man Bedingungen schafft, unter denen die Menschen wie Fliegen sterben, dann ist es in einem gewissen Sinn Mord. Es ist jedoch wahr, dass recht wenige Häftlinge direkt ermordet - erschossen oder zu Tode geprügelt wurden. Die meiste Todesursache waren Krankheiten und Hunger Aber auch der Ausbruch einer Epidemie belastet die Lagerleitung.

- Was den Hunger anbelangt, dann habe ich mit Schrecken in den Materialien des Instituts für Nationales Gedenken gelesen, dass bei der Auflösung des Lagers in Schwientochlowitz an das Lager in Jaworzno zusammen mit den Lagerinsassen auch Tonnen von Mehl, Zucker, Brei, Kartoffelflocken usw. übergeben wurden. Also, es gab Lebensmittel. Dabei haben die Häftlinge vor Hunger versucht, Gras zu essen.
- Und noch schlimmer war, dass die Lagerinsassen oft von Verwandten oder ehemaligen Nachbarn Mahlzeiten bekommen haben. Meistens wurde das Essen von den Lagermannschaften beschlagnahmt. Vor allem für diese waren die Vorräte vorgesehen, die Sie erwähnten. Sie haben nur für sich gesorgt und nicht für jene, die sie für Verbrecher hielten.

- Der Kommandant von Schwientochlowitz, Salomon Morel, sagte von sich, dass er Jude und Häftling in Auschwitz war. Sagte er die Wahrheit?
- Er war Jude, das stimmt. In Auschwitz ist er nicht gewesen, aber er versteckte sich während des Krieges im Wald, in Raubgruppen, um zu überleben. Aus der Hand der Deutschen kam seine gesamte Familie ums Leben. Deshalb wurde, nach seiner Flucht nach Israel, von den israelischen Behörden seine Auslieferung verweigert, weil er als ein Holocaustopfer galt. Und wenn das so war, konnte er nicht schuldig sein. Er blieb ungestraft. Das Paradox besteht darin, dass er gleichzeitig Opfer und Täter war.

- Morel wurde die Idee einer ausgefallenen Folter zugeschrieben. Er befahl vier Häftlingen sich auf den Boden zu legen. Auf ihnen mussten sich immer weitere hinlegen, bis eine Höhe von etwa zwei Metern erreicht wurde. Dabei wurden sie alle geschlagen. Für jene, die unten lagen, endete die Folter mit Erstickung oder Quetschung.
- Diese “Pyramide" wurde in Schwientochlowitz “angewandt". Morel hat persönlich Häftlinge gefoltert und sie gequält. Ich habe mit jemandem gesprochen, der Morel aus der jüdischen Gemeinde kannte, zu der er später in Kattowitz gehörte. Er hat versucht, mich zu überzeugen, dass Morel in Schwientochlowitz oder Jaworzno, wo er Kommandant war, infolge der Besatzungserlebnisse nicht er selbst war. Er sagte, dass Morel mit der Zeit, als er dann in Oberschlesien lebte, begriff, dass er irrte, indem er alle Oberschlesier oder Deutsche ausnahmslos für Verbrecher hielt. Das sind schwache Argumente. Es ändert nämlich nichts an der Tatsache, dass er sich nach den schlimmsten Mustern der Naziverbrecher verhielt.

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